Im Interview: Professor Dr.-Ing. Klaus Dröder von der TU Braunschweig spricht über die Tagung „Faszination hybrider Leichtbau“

Freitag, 4. Mai 2018


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Professor Dr.-Ing. Klaus Dröder von der Technischen Universität Braunschweig spricht über die Tagung „Faszination hybrider Leichtbau“, die vom 29. bis 30. Mai 2018 im MobileLifeCampus Wolfsburg stattfindet.

Professor Dr.-Ing. Klaus Dröder ist Universitätsprofessor im Bereich „Fertigungstechnologien und Prozessautomatisierung“ und Leiter des Instituts für Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik (IWF) der Technischen Universität Braunschweig. Nach mehreren leitenden Funktionen in der Konzernforschung der Volkswagen AG, wirkte Dröder an der Gründung und dem operativen Aufbau des Niedersächsischen Forschungszentrums Fahrzeugtechnik (NFF), dessen Geschäftsführer er bis 2009 war, maßgeblich mit.

Anschließend übernahm er die Leitung der Abteilung „Forschung Fahrzeugtechnik“ innerhalb der Volkswagen Konzernforschung, die sich mit den Schwerpunkten Leichtbau / Energieeffizienz, Berechnungsverfahren und Fahrwerktechnologie beschäftigte. Heute ist Dröder neben Universitätsprofessor und Institutsleiter auch Mitglied im Vorstand des NFF sowie der Open Hybrid LabFactory.

Herr Professor Dröder, Sie stehen dem Programmausschuss der Leichtbautagung vor. Was erwartet die Besucher am 29. und 30. Mai in Wolfsburg?

Die diesjährige Tagung bietet den Besuchern zahlreiche Highlights. Das Tagungsprogramm ist gespickt mit spannenden Beiträgen zu aktuellen Entwicklungen im Bereich Leichtbau. Die Tagung zeichnet sich traditionell dadurch aus, dass wir gleichermaßen der Wissenschaft als auch der Industrie eine Bühne bieten und auf diese Weise die Vernetzung beider Bereiche stärken. In diesem Jahr sind wir stolz, nicht nur einen Blick in unseren LeichtbauCampus, die Open Hybrid LabFactory, werfen, sondern im Rahmen von Führungen dem Publikum auch das dortige Technikum, unsere Anlagen und unser Kollaborationsmodell vorführen zu können.
Das Programm beginnt in diesem Jahr mit einer Keynote von Gewicht: Johann Jungwirth, Chief Digital Officer der Volkswagen AG wird die Veranstaltung mit einem Vortrag über die Mobilität der Zukunft beginnen. Er will unsere Gäste inspirieren, Teil dieser Zukunft zu werden, denn Digitalisierung und Elektromobilität alleine sind keine Selbstläufer. Es entstehen neue Randbedingungen und Anforderungen an zukünftige Fahrzeugkonzepte, für die wir gemeinsam Lösungen erarbeiten müssen.

Im Vorfeld der Tagung wird zum „High-Tech-Accelerator-Ideenwettbewerb“ aufgerufen. Wer kann sich alles bewerben und was erwartet die Gewinner?

Der High-Tech-Accelerator-Ideenwettbewerb ist eine weitere spannende Neuerung: Wir bieten mutigen jungen Menschen, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen, im Rahmen des High-Tech-Accelerator-Ideenwettbewerbs eine Plattform für ihre Innovationen, die sich schon heute der Mobilität und dem Leichtbau von Morgen widmen. Sie werden durch eine hochkarätige Fachjury aus Wirtschaft und Wissenschaft ausgezeichnet und für die nächste Runde des Accelerators empfohlen.
Die Ausschreibung fokussiert dafür innovative Themen aus Bereichen, die sich im Einklang mit den Zielen der Open Hybrid LabFactory mit der Zukunft von Mobilität, Werkstoffen, Produktionstechnik und vielen mehr beschäftigen. Es sind daher alle, sowohl Einzelpersonen, Projektkonsortien, als auch bereits gegründete Unternehmen, mit passenden Ideen aufgerufen, sich zu bewerben.
Unsere Fachjury wählt geeignete Bewerber aus, die sich im Rahmen der Tagung präsentieren und der Paneldiskussion stellen können. Im Nachgang beginnt der eigentliche Accelerator mit einem mehrtägigen Experten-Workshop, in dem wir mit geeigneten Partnern dabei unterstützen, die Ideen weiterzuentwickeln.
Die jungen Entwickler und Start-Ups können ihrerseits die vorhandenen OHLF-Infrastrukturen nutzen und werden mit innovativen Ideen und Industrialisierungs-, Kooperations- und Verwertungspotenzial in einem High-Tech-Accelerator individuell gefördert und weiterentwickelt. Die Open Hybrid LabFactory bietet eine einzigartige technische Infrastruktur, die hochkomplexe und kreative Arbeiten im Umfeld des hybriden Leichtbaus ermöglicht. Gleichzeitig verfügt die Open Hybrid LabFactory über ein kompetentes Netzwerk von Industriepartnern, die besonders junge Unternehmen in vielen Bereichen durch Ihre Expertise unterstützen können.

Zurück zum Tagungsprogramm: Es gibt eine Vielzahl von Topreferenten von namenhaften Unternehmen. Darunter Johann Jungwirth, der als Digitalchef der Volkswagen AG die Keynote halten wird. Was hat die Digitalisierung mit Leichtbau zu tun und wie zahlen beide Themen aufeinander ein?

Die Digitalisierung ist eine Disziplin, die einen Querschnittscharakter hat, da sie alle Bereiche eines Unternehmens und natürlich auch Innovationsprozesse betrifft. Es geht dabei auch um Infrastruktur, Prozesse und Produkte. Im Hinblick auf die Kostentreiber im Bereich des Leichtbaus, die Sicherstellung von Qualität und Produktivität bei weiterhin hohen Materialkosten, ist die Digitalisierung ein Treiber dieser Technologien. Sie ermöglicht beispielsweise eine effiziente Prozessregelung durch die Erfassung von Prozessdaten und -parametern.
Die Vernetzung von Produktionsanlagen ist darüber hinaus notwendig, um die Produktion zu automatisieren und die Produktivität bei reproduzierbarer Qualität zu gewährleisten. Die Digitalisierung greift aber noch viel weiter. Sie verspricht die Vernetzung innerhalb eines Produktes: zwischen dem Produkt und dem Nutzer, aber auch zwischen einzelnen Bauteilen. Dort kommt die Hybridbauweise zum Zug, welche die Grundlagen der Funktionsintegration durch anforderungsgerechten Einsatz von Werkstoffen und Materialien legt. Diese Funktionsintegration kann – bezogen auf die Digitalisierung – elektrische als auch sensorische Funktionen umfassen und kann somit die Prozess- und Bauteilüberwachung während der Nutzungsphase ermöglichen.

Sie sind Vorstandsmitglied der 2016 eröffneten Open Hybrid LabFactory. Mit dem Namen „Der LeichtbauCampus“ verschafft man dem Thema Aufmerksamkeit. Wie arbeitet hier die Forschung mit der Industrie zusammen?

Der LeichtbauCampus wird im Rahmen der ForschungsCampus-Initiative durch das BMBF gefördert und wird vom Projektträger Karlsruhe (PTKA) begleitet. Diese Initiative zielt auf neue Kollaborationsansätze zwischen Industrie und Wissenschaft in einer Public-Private-Partnership. In der Open Hybrid LabFactory arbeiten Partner aus beiden Fraktionen eng zusammen. Hier teilen sich die Beteiligten eine gemeinsame Technikumsfläche, Großanlagen und Labore sowie Büroflächen. Diese räumliche Nähe erleichtert die Zusammenarbeit ungemein und hat bereits zu einer sehr vertrauten Arbeitsweise geführt. Kreative Ideen und Forschungsansätze unserer wissenschaftlichen Mitarbeiter treffen auf industrielle Anforderungen und unternehmerische Randbedingungen – zu beiderseitigen Nutzen. Diese Form der Zusammenarbeit hat bereits jetzt nach einer vergleichsweise kurzen Zeit seit Gründung der OHLF zu einer Zusammenarbeitsqualität geführt, die weit über die übliche rein projektorientierte Zusammenarbeit hinausgeht. Mehrmals im Jahr finden zudem verschiedene Veranstaltungen und Workshops statt, in deren Rahmen Forschungsergebnisse, Projektfortschritte und neue Ideen diskutiert und entwickelt werden. Diese enge inhaltliche und räumliche Zusammenarbeit fördert das gegenseitige Verständnis und führt zu Lösungen mit einem Reifegrad, der deutlich über das Niveau reiner universitärer Forschungsprojekte hinausgeht und in innovativen Anwendungen mündet. In unseren Büros in Wolfsburg sind nur noch einige wenige Arbeitsplätze unbesetzt – der Zuwachs seit Gründung der OHLF zeigt, dass diese Art der Zusammenarbeit gut funktioniert und von den Partnern sehr gut angenommen wird.

Herr Professor Dröder, Sie kennen beide Seiten: Industrie und Forschung. Welche Bedeutung hat der Leichtbau für die Automobilindustrie, auch vor dem Hintergrund neuer Antriebstechnologien, in den kommenden Jahren?

Manche selbst ernannten Experten scheinen den Leichtbau gegenüber weiteren sehr wichtigen technologischen Herausforderungen im Kontext der Elektromobilität abgeschrieben zu haben. Doch diese Einstellung ist weit gefehlt. Das Fahrzeuggewicht wird durch den steigenden Einsatz von Hochvoltbatteriesystemen deutlich erhöht, was sich sowohl auf die Reichweiten als auch auf andere Fahrzeugeigenschaften, wie Fahrzeug-Dynamik und Crash-Eigenschaften signifikant auswirkt. Das stetige Bemühen, das Gewicht von Fahrzeugen zu reduzieren, ist daher vor dem Hintergrund der Elektromobilität wichtiger denn je. Es geht aber nicht nur um die reine Gewichtreduzierung einzelner Bauteile – Leichtbau erfordert heute in viel größerem Maße einen systemischen Ansatz, der neben den mechanischen Anforderungen an eine Funktionsstruktur auch elektrische, akustische, thermische oder gar sensorische Funktionen mit einschließt. Zukünftige Mobilitätskonzepte prognostizieren zudem eine Kehrtwende im Verhältnis der aktiven und passiven Nutzungszeiten von Pkw, wenn Sie beispielsweise an den Dauereinsatz automatisch betriebener Transportsysteme denken. Diese Entwicklung hätte große Auswirkungen auf die Eigenschaften von Komponenten, die mit innovativen Werkstoffen und Bauteilkonzepten gelöst werden können. Funktionsorientierter Leichtbau ist eine notwendige Anforderung an jedes Bauteil geworden. Ziel ist immer die Erhöhung der spezifischen Leistungs- und Funktionsdichte – es geht um eine Maximierung der Funktionalität eines Bauteils bei anforderungsgerechtem Werkstoffeinsatz und minimalem Gewicht. Der Leichtbau wird als eine wichtige Querschnittsdisziplin daher weiterhin eine große Bedeutung für die Automobilindustrie haben.

Herr Professor Dröder, wir danken Ihnen für das Gespräch!

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