Autonomes Fahren: Wer gewinnt das Rennen um Technologie und Geschäftsmodelle?

Dienstag, 10. April 2018



Foto: IHK Braunschweig

Vor rund 250 Teilnehmern fand am 9. April im vollbesetzten Kongresssaal der Industrie- und Handelskammer Braunschweig eine intensive Diskussion zur Frage „Autonomes Fahren: Wer gewinnt das Rennen um Technologie und Geschäftsmodelle?“ statt. Die IHK Braunschweig hatte im Namen der IHK Niedersachsen und in Kooperation mit ITS mobility e.V. und der Allianz für die Region GmbH eingeladen. Dimension und Bedeutung des Themenkomplexes beschrieb Helmut Streiff, Präsident der IHK Braunschweig und amtierender Präsident der IHK Niedersachsen, treffend in seiner Einführung: „Der Wandel zu einer intelligenten und vernetzten Mobilität und damit auch zum Autonomen Fahren ist nicht mehr umkehrbar. Im Mobilitätsland Niedersachsen geht es jetzt darum, die richtigen Voraussetzungen zu schaffen, um unseren Technologie- und Forschungsvorsprung in Geschäftsmodelle umzusetzen.“ Einen Einblick in die verschiedenen Aspekte des autonomen Fahrens gaben die Experten, Prof. Karsten Lemmer, Vorstand für Energie und Verkehr am Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum, und Johann Jungwirth, Chief Digital Officer der Volkswagen AG. Zu den Gesprächspartnern gehörten auch Stefan Muhle, Staatssekretär für Digitalisierung im Niedersächsischen Wirtschaftsministerium, und Dr. Ralf Utermöhlen, Geschäftsführer der AGIMUS GmbH und Vizepräsident der IHK Braunschweig.

Karsten Lemmer ist vom gesellschaftlichen Nutzen des autonomen Fahrens überzeugt. Die individuelle Mobilität der Zukunft wird nicht nur wesentlich sicherer sondern auch für den Einzelnen nutzbringender sein. Der Deutsche verbringt durchschnittlich über zwei Jahre seines Lebens im Auto. „Wer will das eigentlich? Was könnten wir mit dieser Zeit Sinnvolles anfangen?“, fragte Lemmer das Publikum.

Johann Jungwirth betonte, dass mehr in Forschung und Entwicklung investiert werden und die gesetzlichen Regelungen dringend angepasst werden müssen, damit Europa nicht abgehängt wird. „Ich bin überzeugt, dass die Automobilhersteller das Rennen gegenüber Apple und Google gewinnen können, weil nur wir die langjährige Entwicklung- und Produktionskompetenz für das Auto haben.“

Für Lemmer und Jungwirth steht fest: Das autonome Fahrzeug wird schneller kommen, als viele denken. Die Menschen werden diese neue Mobilität schätzen und annehmen, weil sich daraus viele Vorteile ergeben. Die Menschen nutzen die Zeit nicht mehr für das Bedienen und Fahren des Autos, sondern  für ihre unmittelbaren Bedürfnisse. Produktivität, Wertschöpfung und Freizeitgestaltung während des (Ge)fahrenwerdens bieten millionenfach neue Geschäftsmöglichkeiten“, erläuterte Jungwirth, der überzeugt ist, dass das autonome Fahren bei den „Autofahrern“ eine breite Akzeptanz finden wird.

Moderatorin Anje Gering, Stellv. Hauptgeschäftsführerin der IHK Braunschweig, lockte die Experten Jungwirth und Lemmer, aus der Reserve. Entsprechend hoch war die Beteiligung an der Diskussion.

Im Laufe des Abends wurde auch der neuberufene Staatssekretär für Digitalisierung im Niedersächsischen Wirtschaftsministerium, Stefan Muhle, an den Arenatisch gebeten. Ihn fragte Moderatorin Gering nach der Strategie des Landes Niedersachsen in der Digitalisierung. Denn der reine Glasfaserausbau in den Städten und ländlichen Gebieten bringe noch nicht automatisch Wertschöpfung für die Unternehmen des Landes. Erst die damit verbundenen Anwendungen würden neue Geschäftsmodelle begründen und neue Arbeitsplätze schaffen. Muhle betonte: „Der Glasfaserausbau ist die Grundlage für die Digitalisierung. Schnelle Netze bilden das Rückgrat der Digitalwirtschaft. Politik und Gesellschaft müssen den Mut aufbringen, die hierfür hohen Investitionen zu leisten.“

Die Runde wurde vervollständigt durch Dr. Ralf Utermöhlen, Vizepräsident der IHK Braunschweig und Geschäftsführer der AGIMUS GmbH. Utermöhlen verwies mit seinen Ausführungen auf die  Verantwortung der Wissenschaft und der Unternehmen für das Thema Nachhaltigkeit. Die Teilnehmer des Arenatisches stimmten mit Utermöhlen überein, dass mit dem autonomen Fahren auch eine Verbesserung der Energieeffizienz und des Umwelt- und Klimaschutzes einhergehen muss.

Im Abschlussstatement der Beteiligten wurde deutlich, dass die Entwicklung hin zum Autonomen Fahren eine einmalige Gelegenheit ist, die Mobilität im Sinne der Gesellschaft zu gestalten. Deutschland und Europa müssen alles dafür tun, hier eine Vorreiterstellung einzunehmen.

Dr. Bernd Meier, Hauptgeschäftsführer der IHK Braunschweig, fasste in seiner Abschlussbetrachtung den Abend treffend in dem Satz zusammen: “Sowohl bei der Technologie wie auch in der Vorstellung, welche neue Geschäftsmodelle das autonome Fahren mit sich bringt, sind wir noch nicht am Schluss des Erkenntnisgewinns angelangt. Das Rennen zwischen den weltweiten Mobilitätsregionen Europa, China und Amerika, wie auch der Wettbewerb zwischen den sogenannten Tech-Giganten und den etablierten Automobilherstellen ist weiterhin offen. Auch wenn die klassischen Automobilhersteller wie VW gegenüber den Google, Apples und Uber dieser Welt in puncto Design, Funktionalität, Sicherheit und Fahrerlebnis klar den Wissensvorsprung auf ihrer Seite haben,“ so Dr. Meier.